Tag der Apokalypse – Dienstag, den 21. Januar 2014

Tag der Apokalypse – Dienstag, den 21. Januar 2014

Bacaranga – Republik Zentralafrika, Missionar Robert Wnuk – Kapuziner

Vor einer Woche griff Anti-Balaca die Seleka in Bocaranga an. Ergebnis: Die Stadt von den

Rebellen befreit, etwas Freude, ein Schimmer Hoffnung. Dann Trauer und Wut, weil die Stadt

zur Beute der Räuber und Dieben geworden ist.

DSCF0013Einige Stadtteile wurden völlig vernichtet, mehrere Hundert Häuser wurden angezündet und

verbrannt. Alles Schöne, was die Stadt zu bieten hatte, hat sich in Rauch verwandelt. Mehr als

ein Dutzend verletzter, darunter Frauen und Kinder, über zehn Tote, darunter mindestens 3

Seleka, 2 Anti-Balaka und 6 Zivilisten. Bei uns campieren Hunderte von Menschen. Im Garten,

auf der Terrasse, im Gemeindesaal – überall übernachten Menschen auf dem Boden liegend,

hauptsächlich Frauen und Kinder.

Am Dienstag um 13:00 Uhr wollen wir mit Cipriano Frau Dr. Ione nach Bozum bringen. Nach

80 km sollen wir uns mit Karmeliten treffen, die Dr. Ione übernehmen sollen. 5 km von

Bocaranga entfernt erfahren wir von einer Gruppe Seleka, die sich der Mission nähert. Wir

kehren um. Um 13:45 Uhr hören wir Schüsse in der ganzen Stadt. Gewaltige Explosionen

erschüttern die Stadt. Die Kugel pfeifen uns um die Ohren. In unserer Mission herrscht Panik.

Die Menschen verstecken sich, wo sie nur können, in den Zimmern, im Bad, in der Küche …

Die Schüsse sind immer näher … Ein paar Kugel treffen die Tür unserer Mensa und unser Tor

… Dann fallen Schüsse auf unserem Hof …

Vater Cirillo und ich kommen mit erhobenen Händen heraus. Die Schüsse aus den

Automatischen Pistolen hören nicht auf. Dutzende Seleka plündern unsere Zimmer. Sie fordern

Geld und Autos, schießen auf den Boden neben unseren Füßen und an die Decke neben unseren

Köpfen … Ein Auto schaffen sie zum Laufen zu bringen. Sie nehmen es und fahren damit ab.

Das andere Auto beschießen sie. Das Cockpit, die Scheiben sind zerstört. Nehmen sich

dutzende von Motorrädern, die die Menschen bei uns deponiert haben. Bei Motorrädern, die

sie nicht zum Laufen bringen, schießen sie in den Motor und zerstören ihn damit.

Das ganze dauert über 1 Stunde. Sie drohen uns den Tod an. Immer wieder führen sie uns

einzeln rein, schießen. Dann wiederholt sich das ganze bei den Schwestern. Zu uns kommen

noch 2 andere bewaffnete Gruppen. Die Situation wiederholt sich. Nach etwa 16 Stunden raten

wir den Menschen, sie sollen in den Busch fliehen. In nur 2 Minuten fliehen Hunderte von

Menschen durch ein Loch im Zaun hinter der schule in die Savanne.

Eine Stunde später kommt noch ein Auto voll mit bewaffneten Menschen. Die sind jedoch nicht

aggressiv. Sie wollen nur eine Kette, um ein anderes Auto abzuschleppen. Zum Glück fahren sie

wieder weg. In der Mission bleiben wir zu dritt: Cipriani, Nestor und ich. Nestor ist an der

Hand verletzt. Die Selekta hat uns ein Auto, ein Auto der Schwestern und eins der Frau Dr.

Ione geraubt. Außerdem nahmen sie uns ein Motorrad und mehrere Motorräder, die bei uns

abgestellt wurden, 3 Computer, dutzende Telefone (Die Menschen laden ihre Telefone bei uns

auf), Fotokameras, Geld und andere Sachen.

Im Garten finden wir einen älteren Mann mit einem von einer Kugel zerfetzten bein. Eine Frau

liegt am Boden. Sie hat eine Schusswunde am Bauch, blutet stark. Ich gehe zu den Schwestern.

Dort sieht es wie bei uns aus. Zum Glück ist dort keiner verletzt. Es gibt auch keine Tote.

Ich kehre zurück zu uns. Der verletzten Frau spende ich die Absolution. Zwei Sekunden später

stirbt sie. Ein kleines Mädchen wird gebracht. Es hat eine Schusswunde am Bein. Frau Doktor

behandelt die Kleine. In der Mission ist keiner mehr.

Um 19:00 Uhr gehen wir in unsere Zimmer. Die ganze Nacht können wir nicht schlafen. Es ist zu

viel passiert für einen Nachmittag. In der Früh feiern wir eine Messe. Wie immer sind viele

Menschen da. Sie kommen auch, um ihre Sachen abzuholen.

In der Savanne werden noch einige Tote gefunden, erschossen, einige verletzte. Eine Frau hat zwei

Schusswunden. Ihre Schulter ist von einer Kugel zertrümmert.

Mittwoch. Wir sind aufgeregt, erwarten, dass die Seleka wieder kommen. Wissen nicht, was wir tun

sollen. Nestor geht in den Busch, Cyryl auch. Ich bin nur mit Cipriano. Um sich zu beschäftigen,

räumen wir manche Sachen auf. Am Abend gehen wir zu unserem Koch (Massayo), und schlaffen

draußen auf dem Boden, etwa 500 m von seinem Haus entfernt. Vier jüngere Schwester

übernachten mit 24 Mädchen aus Foyer (Internat) auch auf dem Feld. Um 3:30 Uhr kehren wir

zurück.

Morgend bei der Messe sind nur ein paar Schwestern und sonst sehr wenige Menschen da. Den

ganzen tag warten wir ab. Bei den Schwestern funktioniert das Internet, also schicken wir ein paar

Nachrichten raus. Wir haben gestern mitbekommen, dass die Seleka wieder zu uns kommen sollen.

Bis jetzt sind sie nicht da.

Die Stadt ist wie ausgestorben, nur ein paar Anti-Balaka sind da. Sie haben keine Munition mehr

da. Trotzdem rauben sie die Stadt aus. Es reicht, wenn sie das Gewehr in den Händen haben.

Mehrmals kommen sie zu der Mission. Ich sage ihnen, dass ich sie mit den Waffen nicht hinein

lassen kann. Sie akzeptieren es und gehen wieder. Die Schwestern entscheiden sich, in der Schule

zu übernachten. Wir wollen bei unserem Koch schlafen. Er ist alleine. Seine Familie übernachten

auf dem Feld.

Nach den wirklich bedrohlichen und gefährlichen Stunden sind wir wieder relativ sicher. Die

Brüder aus Tschad teilen uns mit, dass sie vielleicht unsere Autos retten können. Wir müssen

abwarten.

Gerade als ich diese Zeilen schreibe, höre ich Autos kommen. Wir flüchten in den Busch. Die

Schwestern kommen nach 1,5 Stunden. Wir sind etwa 1 km entfernt von unserem Haus. Es ist heiß,

die Sonne brät von oben. Es ist staubig. Es gibt sehr viel Fliegen. Nach einer weiteren Halben

Stunde sieht es danach aus, dass die Autos wieder weggefahren sind. Mit Cipriani kehren wir

zurück zu der Mission. Ich gehe bis zu der Krankenstation und auch auf die Hauptstraße. Keine

Seele ist zu sehen. Der Text „Ave Maria“ drängt sich mir von alleine auf die Lippen. Auf der

Hauptstraße sind Spuren eines großen Wagens sichtbar. Ich höre irgendwelche Geräusche. Dann

treffe ich einen Mann, der mir berichtet, dass er zwei Autos gesehen hat: Ein großes mit 10 Rädern

und ein kleines. Das kleine rote Auto wurde gestern in Bouar gesehen und genau auf dieses Auto

warten wir. Wir kehren zu der Mission. Ich schicke die Schwestern holen. Auch sie kehren zurück.

Wahrscheinlich wird die nächste Nacht ruhig sein. Vermutlich werden wir trotzdem in der Savanne

schlafen, aber etwas ruhiger. Wohin die Autos gefahren sind, ist uns noch unbekannt – Ndim oder

Ngaoundaye. Auf dem Auto waren Soldaten der Seleka. Hoffen wir, dass sie unterwegs nicht weiter

rauben werden.

Jetzt versuchen wir die Ärzte ohne Grenzen erreichen, sie sind 135 km entfernt von Bocaranga,

damit sie drei schwerverletzte abholen. Villeicht erreichen sie uns morgen.

Ich entschuldige mich für die Fehler. Ich schreibe den Text auf meinem kleinem Tablett.

Vielen Dank für Eure Gebete.

Grüß Gott.

Bruder Robert Wnuk – Bocaranga

Verrat durch Seleka von Ngaoundaye – Durch unsere früheren Freunde!

21 Januar Ngaoundaye – Einem Städchen 20 km von Tschad und Kamerun entfernt.Sangaris_w_Bouar_niestety_tylko_przejazd

Von früh Morgen an kamen die Leute zu uns. In unserer Mission waren etwa 100 Personen. Um

etwa 13:00 Uhr erfuhren wir, dass Seleka unsere Mission in Ngaudndaye angegriffen haben.

Sofort nach dieser Meldung berief unser Guardian (Vorgesetzter) eine Besprechung ein – was ist

zu tun. Wir entschieden, die Menschen aus unserer Mission weg zu schicken. Sie sollen auf die

Felder, an verschiedene Orte fliehen, hier sind sie nicht mehr sicher. Wir fingen damit an, Geld,

Computer, Telefone, alles was wertvoll ist zu verstecken.

Um 16:00 Uhr begann alles. Ich sah Motorräder mit bewaffneten Seleka, die am Anfang unsere

Stadt patroulierten. Sie suchten nach Anti-Balak. Diese fanden sie jedoch nicht, also … an die

Arbeit. Jemand anderes muss dafür herhalten. Zuerst fuhren sie zu den Schwestern (die leben

etwa 600 Meter von uns entfernt). Als ich sie sah, sagte ich es meinem Vorgesetzten – wir gehen

hin. Ziehen unsere Kutten an und gehen … es stellt sich heraus, dass unter den Angreifern uns

bekannte Seleka sind, die früher zu uns gekommen sind, um Kaffee oder Cola zu trinken und über

den Frieden zu reden. Sie behaupteten, dass sie anders sind, dass sie Frieden wollen – und jetzt

gibt es keine Möglichkeit, einen Dialog zu führen. Ein Gespräch ist nicht mehr möglich. Wir

müssen alles, was wir haben, ihnen überlassen. Wir gehen in den Innenhof der Schwestern – ein

von den Seleka kommt uns entgegen, ladet seine Waffe durch und befiehlt uns stehen zu bleiben.

Wir dürfen uns nicht mehr bewegen. Ich versuche, meinen Kopf zu drehen und meine Hand in

der Tasche zu stecken, dort habe ich mein Telefon – keine Chance. Er ladet seinen Kalaschnikow

durch … Nach einer Weile, fragen sie uns nach Geld und Autos.

Wir sagen, dass wir nichts dabei haben.

Leider war ein Einheimischer mit ihnen, der unsere Mission gut kannte und genau wusste, was

wir besitzen. Somit war alles klar. Wir gehen zu uns, geführt von drei bewaffneten Seleka. Zuerst

wollen sie Geld. Unser Vorgesetzter bringt eine Geldkasse und gib ihnen alles, was wir haben:

43 000 CFA (ca. 100 Euro). Leider sind sie damit nicht zufrieden. Während dessen stehen wir

draußen im Hof, die Waffen sind auf uns gerichtet.

„Ok! Jetzt Autos – wo sind eure Autos?“

Mittendrin ruft mich jemand an. Das Handy hatte ich in der Tasche – die hören das Klingeln und

ich muss das Telefon abgeben … ich habe ich es nicht geschaft, rechtzeitig das Handy

auszuschalten.

Geführt wie Verurteilten gehen wir, die Autos holen. Vier bewaffnete Seleka bewachen uns.

Wohin wir gehen? Ca. 300 m entfernt haben wir eine Schreinerwerkstatt und genau dort haben

wir die Autos versteckt. Unterwegs treiben sie uns, schneller zu laufen. Einer von denen schreit

uns an: „Braucht ihr einen Tritt, um schneller zu werden?“

Wir kommen an die Tür. Vor Angst zittern mir die Hände so, dass ich den Schloss nicht öffnen

kann. Einer der Seleka ladet seine Waffe durch … Ich habe es geschafft. Die Tür ist offen. Sie

nehmen uns beide Autos weg. Unser Bruder Roland muss als Fahrer mitkommen. Vorher sagten

sie zu unseren afrikanischen Brüdern: „Sowieso werden wir euch töten!“

Mit dem Geld, Computern, Telefonen fahren sie ab. Unser Bruder Roland muss mitfahren. Wir

sorgen uns, was wird aus ihm. Werden sie ihn töten? Trauer und noch einmal Trauer, und die

Frage: Was wird aus Roland?

Ich gehe in Internet – Was bleibt mir noch? Sofort rufe ich Bruder Jacek Debski in Bouar an und

berichte von der ganzen Situation.

Zwei Schwester und Ewelina, unsere Laien-Volontärin bitten mich um Beichte. Wir gehen in die

Kapelle, beten … Plötzlich hören wir eine Stimme … Roland ist zurückgekehrt. Die Seleka

haben ihn freigelassen. Er ist 7 km mit einer Taschenlampe gelaufen. Es ist 21:00 Uhr, als er die

Mission erreicht. Die ganze Nacht konnten wir nicht schlafen. Kleinstes Geräusch und wir

standen senkrecht.

Mittwoch, den 22 Januar, 13:00 Uhr – Wir werden gewarnt, dass die Seleka wieder zu uns

fahren. Ich renne in mein Zimmer, schaue durch das Fenster. Es stimmt. Ich sehe ein Auto voll

mit bewaffneten Soldaten. Also nichts wie weg! Ich schreie nur: „Schwester, flieht!“ Für die

Flucht haben wir 1 Minute. Wir rennen durch den Garten in die Ortschaft und dann weiter in

den Busch. Wir hören Schüsse. Später erfahren wir, dass sie auf uns geschossen haben.

In der Mission blieb nur Bruder Francesco, ein Italiener, und 2 Brüder aus Zentralafrika. Die

Seleka befiehl ihnen, in unseren Speiseraum zu gehen und selber plünderten sie unsere Zimmer.

Alles wurde geplündert. Alle elektronischen Geräte und alle Lebensmittel sind weg.

Nach dem zweiten Überfall waren wir fix und fertig. Wir entschieden uns, die Mission zu

verlassen. Die folgende Nacht verbringen wir uns unserem Kulturzentrum, die nächste auch …

und so bis heute, fertig gepackt. Vielleicht müssen wir schnell fliehen.

 

Ich bitte alle Journalisten um Hilfe, um in der ganzen Welt bekannt zu machen, was in einem

der ärmsten, seit über 20 Jahren ausgenutztem Land passiert.

Bruder Benek – Kapuziner, Missionar

Erst später habe ich begriffen, dass ich vergewaltigt werden konnte…21

 

 

Ewelina Krasnowska – Laien-Volontärin

Ein Tag vor dem Überfall fingen die Menschen damit an, ihre Wertsachen zu uns zu bringen.

Am Dienstag (21. Januar) von den Morgenstunden an bringen die Menschen immer noch ihre

Sachen zu uns. In der Stadt herrscht Stille. Eine Stille, die schreit, dass hier etwas nicht stimmt.

Nach den Informationen aus Bocaranga schickten wir alle Menschen, die bei uns waren (3

Familien) nach Hause. Wir wissen jetzt, dass sie bei uns nicht mehr sicher sind. In dem

Moment, als die letzte Familie wegging, hörten wir die ersten Schüsse. Die Familie kehrte

zurück zu uns. Schwester Basia befahl ihnen jedoch zu flüchten, so schnell wie sie nur können.

Unsere Mission ist kein sicherer Ort mehr.

Durch das Fenster sah ich die ersten Motorräder, 4 Personen auf 2 Motorrädern. Wir gingen

nach draußen und einer von der Seleka fragte, ob bei uns sich der Feind aufhält. Basia

antwortete, dass hier nur drei Missionarinnen sind, sonst niemand. Sie befahlen uns, das Tor

aufzumachen und dann sind alle erschienen – 8 Personen, mit Kalaschnikows und Raketen

bewaffnet. Sie forderten ein Auto und Benzin. Basia antwortete, dass das Auto nach Kamerung

gebracht wurde. So verlangten sie Geld, Telefone, Computer.

Basia ging mit einem von denen rein, um ihm das Geld zu geben. Dann mussten wir einzeln

alle Räume aufmachen. Basia hatte circa 100.000 CFA vorbereitet. Ania hatte 40.000 CFA. Sie

nahmen uns alle Telefone, die sie gefunden haben weg. Sie suchten wirklich überall… Sie

wollten immer noch das Auto. Wir sollten das Motorrad nehmen und das Auto holen. Wir

erklärten denen, dass wir noch nie ein Motorrad hatten und das Auto in Kamerun ist. Nach

diesem Hin und Her führten sie uns einzeln in die Zimmer. Schon im Zimmer zerrte mich einer

an meiner Bluse. Er wollte mehr. In diesem Moment habe ich mich aufgeregt und bin

hinausgegangen. Er ging mir hinterher. Schon draußen ladete er sein Gewehr durch… Ich

hatte Angst. Aber noch mehr Angst hatte ich, mit ihm in einem Raum zu sein.

Sie nahmen uns alles was sie für wertvoll hielten. Die ganze Zeit schrien sie: Geld! Und

bedrohten uns mit den Waffen. Sie drohten uns, dass sie uns töten. Sie versuchten uns mit

Waffengewalt zum Geschlechtsverkehr zu zwingen. Wir gaben jedoch nicht nach. Erst später

habe ich begriffen, dass ich vergewaltigt werden konnte, oder sogar das Leben verlieren

konnte.

Trotz dessen, dass ich bereits vor meiner Ankunft in Republik Zentralafrika einiges wusste, was

hier los ist, zeigte mir erst dieser Vorfall, wozu die Banditen aus Tschad und Sudan fähig sind.

Es wundert mich, dass dieser Krieg nicht beim Namen genannt wird: Tschad gegen Republik

Zentralafrika. In dem Augenblick, wenn die Nachbarstaaten die Grenzen schließen, Tschad

lässt die Verbrecher, die das arme Land beraubt haben, als Helden hinein. Und jetzt können sie

ruhig zurückkehren. Sie ziehen wieder Zivilkleidung an und leben normal weiter.

Trotz der Vorfälle in unserer Stadt bereue ich meine Entscheidung, hierher zu kommen, nicht.

Ich will die Mission und die Menschen hier nicht verlassen. Dieser Vorfall zeigt, wie ein

Mensch reagieren kann, wenn sein leben bedroht wird.

Nach den Ereignissen am 21. Januar habe ich Bruder Benek um Beichte gebeten. In der

Zukunft kann alles passieren.

Ewelina – Laien-Volontärin aus Łomża????

Ich hatte Angst, dass sie uns herausfahren…

Schwester Barbara Samborska SMBP

Bereits 4 Jahre lang arbeite ich als Missionarin, seit September 2013 in Ngaoundaye. Zum ersten

Mal begegnete ich die Seleka, so direkt, Auge in Auge. Wir waren dabei, uns zu den Brüder

Kapuziner zu evakuieren, als wir Schüsse hörten. Wir wussten, dass wir nicht mehr flüchten

können, also gingen wir mit erhobenen Händen heraus. Sie haben in die Luft geschossen.

Wahrscheinlich wollten sie uns erschrecken.

Sie befahlen uns, das Tor aufzumachen, reichten uns die Hände, begrüßten uns freundlich. Sie

fragten, ob Anti-Balaka bei uns sind. Dann wurden sie direkter und wichen nicht mehr von uns

ab. Geld, Telefone, Computer, Autos – das interessierte sie. Sie kamen mit einem Führer, der

Sango sprach und genau wusste, wo sich was befindet. Sie selber sprachen nur Arabisch.

Ich gab ihnen Geld: 110.000 CFA (etwa 200 Euro). Dann sind sie von einem Zimmer in das

andere gelaufen und verlangten mehr Geld. Nach dem Raub schickten sie uns nach draußen. Ich

hatte Angst, das sie uns irgendwohin herausfahren. Ich kannte ihre Gesichter. Der Anführer

wusste, dass ich die Leiterin unserer Schule bin. Er wollte, dass ich auf ein Motorrad steige und

ihnen zeige, wo das Auto sich befindet. Das habe ich nicht getan. Sie wollten mir meine

Dokumente abnehmen, um mich später zu erpressen. Einer von denen redete etwas von Schnüren.

Ich weiß nicht, ob sie und schlagen oder fesseln wollten. Nach einer Weile sind manche von

denen in Eure Richtung weggefahren. Zwei sind da geblieben, um uns zu überwachen. Einer

führte Eweline (Eine Laien-Volontärin) ins Haus. Dann waren wir an der Reihe. Er nahm uns

nacheinander an der Hand und führte uns ebenfalls ins Haus. Dort wollte er, dass wir uns

entkleiden. Als ich ablehnte, hielt er mir die Waffe an die Schläfe. Nach ein paar Minuten gab er

angesichts unseres Widerstandes auf. Sie schrien: Geld! Handys! Wir mussten alles zeigen, alle

Türen aufmachen.

Ich hatte keine Angst um mein Leben. Ich hatte Angst, dass sie uns herausfahren, fesseln und

vergewaltigen. Davor hatte ich am meisten Angst. Innerlich war ich jedoch ruhig…

Nur 5 Minuten, bevor sie kamen, konnten wir alle Hostien aus unserer Kapelle einnehmen, damit

Seleka das Heilige Sakrament nicht profanieren kann. Ich habe auch die Reliquien des Seeligen

Kapuziners Honorat Koźmiński, in meine Handtasche genommen und habe sie bis jetzt die ganze

Zeit bei mir.

Ich weiß nicht, wer hinter dieser Rebellion steht. Eins weiß ich aber: Die Seleka sind nur Bauern,

die von jemanden instrumentalisiert werden. Der Präsident der Republik Tschad erlaubt den

Banditen, den Verbrechern, die mordeten, vergewaltigten, stahlen, fackelten Häuser ab und noch

vieles mehr, mit ihrer Beute ins Land als Helden zurückkehren. Ich denke, dass sie

wiederkommen, wenn die Situation sich wieder bessert.

Während der Ereignisse wollte ich die Mission nicht verlassen. Dennoch hatte ich auch einen

kritischen Moment, als ich fliehen wollte. Wir können weder beten noch arbeiten. Unsere

Gedanken sind die ganze Zeit mit der Frage beschäftigt: Wann kommen sie wieder? Wie und

wohin wir dann fliehen können? Das sind noch Jungs, 17-18 Jahre jung, oft unter Alkohol und

DSCF0001Drogen. In diesem Zustand sind sie zu allem fähig.

Die Situation dauert schon mehr als eine Woche. Ich hoffe, dass die verantwortlichen für die

Verteidigung des Landes – Frankreich- ein paar Soldaten schickt, um uns zu beschützen. Wenn

nicht, dann sind wir nur auf uns selbst gestellt. Wir werden fliehen und uns verstecken müssen. So

wie die alle Einwohner der Stadt.

Schwester Basia

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