Die Mission auf Madagaskar

Provinzial Lech Sibert
Provinzial Lech Sibert

Die Mission auf Madagaskar und das Leben der Brüder dort sind in unserer Provinz in Österreich ständig ein präsentes Thema. Gleich nach meiner Wahl zum Provinzial im Jahre 2010 habe ich eine Reise in dieses Land geplant, um mir selbst ein Bild von der Provinz und allen Werken der Brüder machen zu können. In Innsbruck sind wir in der glücklichen Lage, einen Studenten aus Madagaskar zu beherbergen, Br. Adonis. Ich habe ihn gefragt, ob er mich auf dieser Reise begleiten würde. Dazu war er bereit. Ich habe auch Br. Ernst eingeladen, damit nicht nur meine Augen die Situation der Mission auf Madagaskar sehen, sondern auch seine.

So sind wir am 17. August 2011 in aller Früh in Innsbruck aufgebrochen, um am Abend desselben Tages die Hauptstadt Antananarivo (Tana) zu erreichen. Am Flughafen begrüßten uns drei Brüder: Provinzial Norbert, unser langjähriger Missionar aus Österreich – Manfred, sowie Francois, der Vikar im Kloster Tana ist.

Den nächsten Tag konnten wir im Kloster in der Stadt Tana verbringen, wo wir die Gemeinschaft  und das Haus kennenlernten. Der Nachmittag blieb für einen kurzen Besuch im Stadtzentrum, um ein paar Sachen zu besorgen.

Am 19. August brachen wir Richtung Süden nach Fianarantsoa auf. In dieser Stadt haben die Kapuziner ein Kloster für die Postnovizen, die sich auf die Aufnahmeprüfung und überhaupt auf das Studium vorbereiten und ein anderes Haus für die Junioren, in dem die Brüder in der Zeit zwischen Philosophie- und Theologiestudium ein „franziskanisches

Antsohihy, mit der Novitiatsgemeinschaft
Antsohihy, mit der Novitiatsgemeinschaft

Jahr“ absolvieren. Wir haben dort ein schönes, großes Pfarrzentrum vorgefunden, sowie eine Krankenstation, zwei Schulen, die „Armenküche“ für die Schüler sowie ein Schwesternkloster, das mit den Brüdern dort eng zusammenarbeitet. Br. Pascal, ein Missionar aus Italien, zeigte uns noch einige andere Orte, wie von ihm gebaute Brunnen, Brücken und Filialkirchen. In dieser Gegend konnten wir sehen, wie die Leute ihre Reisfelder betreuen, ihre Häuser bauen, wie sie Wäsche waschen usw.

Etwas ganz besonders war es, bei den Brüdern zu Gast zu sein. Sowohl in Fianarantsoa wie in jedem anderen Haus der Brüder oder der Familien, die wir besuchten, sind wir „wie Könige“ empfangen worden. So konnten wir erfahren, dass Gastfreundschaft und damit verbundenes Essen in Madagaskar großgeschrieben sind. Eine spezielle Erfahrung war für uns der Sonntagsgottesdienst mit der Pfarrgemeinde. Die Lebendigkeit der Liturgie vor allem in den Gesängen hat uns wirklich beeindruckt.

Am 21. August fuhren wir nach Antsirabe zu einem nächsten Ausbildungskloster, in dem die Philosophiestudenten untergebracht sind. Antsirabe ist in Madagaskar durch die große Brauerei und das Kurbad bekannt. Darüber hinaus sprechen die Leute vom „kleinen Vatikan“. In der Nachbarschaft gibt es nämlich mehrere Ordenshäuser sowie das bischöfliche Seminar, wo unsere jungen Brüder den ersten Teil des Studiums absolvieren. Im Klarissinnenkloster konnten wir auch einige Zeit verbringen. Hier entdeckten wir Spuren unserer Brüder aus Österreich – die Malereien von Br. Günther sind ein Beispiel dafür.

Von Antsirabe fuhren wir wieder Richtung Tana. Auf dem Weg besuchten wir eine kleine Niederlassung unserer Mitbrüder, die sich vor allem der Landwirtschaft widmet. Ein großer Traktor, gut gebaute Ställe, große Ackerflächen zeigten uns die Ausmaße dieses Unternehmens.

Am Reisfeld mit dem Vater
Am Reisfeld mit dem Vater

Am 23. August konnten wir eine Pause in Tana einlegen. Am Nachmittag dieses Tages besuchten wir das Haus der Theologiestudenten in Ambohimalaza. Der Ort liegt za. 15 Kilometer von Tana entfernt. Neben dem Studentenhaus befindet sich das „kleine Seminar“, in dem unser Adonis tätig war. Daher haben wir diesem Seminar mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Zum Kloster gehört ein großes Areal. Am Wochenende kommen viele Besucher dorthin, um außerhalb der Großstadt (Tana zählt bis zwei Mio. Einwohner) ihre Freizeit zu verbringen. Die Brüder haben für diese „Touristen“ eine entsprechende Infrastruktur eingerichtet, wie Jausenstationen, Tische, Bänke sowie eine Marienwallfahrtskirche. Landschaft und Atmosphäre dieses Ortes laden tatsächlich zum Verweilen ein.

Der 24. August war für die Reise in den Norden vorgesehen. Sowohl Br. Adonis, als auch Aristide, unser Schofför, nicht zuletzt Manfred berichteten mit großer Sympathie vom Norden des Landes. Somit waren wir sehr neugierig auf diese Himmelsrichtung.
Während der langen Fahrten gönnten wir uns immer ein Mittagessen in einer „Hotely“. Das sind keine Hotels sondern kleine Bars an der Straße für Reisende wie wir. Obwohl sie sehr einfach und bescheiden eingerichtet sind, konnte man dort sehr gut essen. Die Madagassen verstehen es, gut zu kochen.
Auf dem Weg Richtung Antsohihy aßen wir ebenso unterwegs und anschließend kaufte ich am Markt einen gebackenen Frosch. Ich hätte nie gedacht, dass Frösche so gut schmecken!

Am Abend gegen 19.00 Uhr trafen wir im Novitiatskloster in Antsohihy ein. Die acht Novizen samt ihrem Novizenmeister Serge erwarteten uns bereits. Die Freundlichkeit der Novizen sowie ihre Hilfsbereitschaft und Freude am Klosterleben haben bewirkt, dass wir uns dort sehr wohl fühlten und sehr viel Ähnlichkeit entdeckten zu unserem Noviziatshaus Salzburg bzw. unserer eigenen Noviziatszeit. Dort hatten wir eine kurze Nacht, da wir in aller Früh nach Antskabary aufbrechen wollten.
Hier ist es vielleicht passend zu erwähnen, dass die Brüder in allen unseren Häusern sehr früh aufstehen. Mag sein, weil sie eine strenge Ordensdisziplin haben oder weil es in der Früh etwas kühler ist. Nachdem ich aber jeden Tag und zwar schon um 3.00 – 4.00 Uhr morgens das Krähen der Hähne, das Gurgeln der Truthähne, das Quatschen der Enten usw. gehört habe, weiß ich, dass kein Mensch es länger im Bett aushalten kann!

Gottesdienst in Fianarontsoa
Gottesdienst in Fianarontsoa

Am 25. August 2011 um 7.30 Uhr starteten wir nach Antsakabary, wohin vor 51 Jahren die ersten österreichischen Missionare, BBr. Hermenegild und Manfred, zugeteilt wurden und wo bis zum Tod von Br. Thomas (2004) Brüder aus unserer Provinz tätig waren. Zu den Besonderheiten dieses Ortes gehört der Weg, der dorthin führt – unbeschreiblich! Auch mit einem Geländewagen ist Antsakabary nur mit großer Mühe zu erreichen. Dieser Fahrt schloss sich auch Br. Provinzial Norbert an, da er sonst nicht so schnell die Möglichkeit hat, die Brüder dort zu besuchen. Außer den gastfreundlichen Mitbrüdern sind wir vielen Menschen vom Ort und der Pfarrei begegnet, die uns herzlichst empfingen. Der Morgengottesdienst (6.00 Uhr) mit vielen Begrüßungsansprachen und Geschenken wird uns lange in Erinnerung bleiben.

Den Kapuzinern ist es gelungen, dort eine Krankenstation aufzubauen sowie ein Schwesternhaus und zwei Schulen. Die Schulen werden von den Schwestern geleitet, zwei Brüder unterrichten dort, einer Englisch, der andere Religion. Beim Haus gibt es ein kleine Tischlerei, einen „Unimog“ für den Transport und natürlich eine kleine Landwirtschaft. Die Brüder gehen, wie schon früher, „auf Tour“ zu den vielen, oft weit entfernten Orten – heute wahrscheinlich weniger zu Fuß als mit dem Motorrad. Auch hier entdeckten wir viele Schnitzereien von Br. Günther. Noch deutlicher war aber der Geist von + Br. Thomas zu spüren. Br. Ernst durfte in einem Zimmer schlafen, das immer noch so aussieht, wie Thomas es hinterlassen hat. Etwas Besonderes war, die Familie unseres Mitbruders und Schofförs zu besuchen. Zum ersten Mal betraten wir ein madagassisches Haus und haben uns sehr anregend unterhalten. Hier darf ich Br. Ernst meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen, der immer in irgendeiner Sprache mit den Madagassen reden konnte und mir alles übersetzt hat.

Häuser typisch für Madagaskar
Häuser typisch für Madagaskar

Den „unpassierbaren“ Weg zurückzulegen war diesmal etwas einfacher. Ab der großen Brücke über dem Fluss Sofia konnten wir recht zügig noch weiter nach Norden fahren und zwar in die Bischofstadt Ambanja. Dort trafen wir zwei weitere italienische Missionare, die im sozialen Bereich tätig sind. Br. Marino leitet ein Lepra- und Tuberkulosestation. Durch die jahrzehntelange Arbeit ist es gelungen, die Zahl der Leprakranken in dieser Gegend zu reduzieren. Viel gefährlicher scheint die Tuberkulose zu sein. Die Station samt Kirche und Schule (für erkrankte Kinder) hat uns beeindruckt. Ein zweiter Mitbruder aus der römischen Kapuzinerprovinz, Alessandro, hat uns eine Klinik gezeigt, die ebenso von den Brüdern aus Italien mit Hilfe anderer Organisationen und Privatspender aufgebaut wurde. Wir haben den Dom angeschaut, das Haus in dem die Brüder früher gewohnt haben. Hier erfuhren wir, dass der verst. Br. Gebhard dort Dompfarrer war. Besonders schön war es für uns, am Abend gemeinsam mit dem Ortsbischof Rosario Vella zu speisen.  Von dieser Stadt aus fuhren wir zu einem Ort, wo vor kurzem Saphir-Steine gefunden worden sind, was ein „Suchfieber“ ausgelöst hat. Viele Menschen kommen und graben in der Hoffnung, etwas zu finden. Leider gab es schon einige Tote, die in dieser Erde geblieben sind.

Vor dem Haus des Katechisten
Vor dem Haus des Katechisten

Von Ambanja ist es nicht mehr weit zur Küste. Mit einem Boot mit vielen anderen sind wir auf die Insel Nosy-Be gefahren in die Stadt Hell-Ville, wo wir bei unseren Brüdern zwei Nächte verbringen durften. Küste, Meer – natürlich wollten wir auch das nutzen. Die Mitbrüder machten uns mit einer Dame bekannt, die uns ihren Zugang zum Strand sowie ihr Haus zur Verfügung stellte und uns außerdem zu einem herrlichen Abendessen einlud. Von Nosy-Be unternahmen wir einen Ausflug auf die Insel Nosy-Kumba, um die dortigen Brüder und den Ort zu besuchen, wo das erste Noviziat der Provinz untergebracht war. Nach einer kurzen Begegnung mit den Brüdern sind wir spazieren gegangen, um die naturbelassene Insel ein wenig zu erleben. Für uns besonders interessant war die Ebbe zu beobachten, wie das Meer sich zurückzieht. Die Einheimischen nutzen auch dieses Phänomen, um Meeresfrüchte zu sammeln und die Kinder, um Fußball auf einem härteren Platz zu spielen, als es der Sandstrand ist.

Am 31. August verließen wir die Inseln um nochmals nach Antsohihy, zu unseren netten Novizen zu fahren. Die Novizen lieferten uns das zweite Mal schon beim Abendessen eine Song-Präsentation. Mit Manfred besuchten wir danach die Stadtpfarre und eine befreundete Familie. Am Abend kamen wir auch in das Provinzhaus der Schwestern, die mit den Brüdern in Antsakabary zusammenarbeiten.

Zu allen diesen Besuchen der Brüder und ihrer Stationen kam jetzt ein besonderer Besuch und zwar die Heimat und Familie von Br. Adonis, der seit vier Jahren in Innsbruck lebt und studiert. Adonis hat uns in der Pfarre untergebracht – eine Gemeinschaft der Karmeliten. Es zeigte sich, dass nicht nur die Kapuziner so gastfreundlich sind. Am Abend waren wir bei der Mutter von Adonis eingeladen. Sie hat dafür gesorgt, dass wir einen wunderschönen Abend erlebten. Sie erzählte uns die Berufungsgeschichte von ihrem Sohn und hat viel von ihrer Frömmigkeit preisgegeben, wobei sie keine getaufte Christin ist. Am Abend erfuhren wir, dass wir nicht in der Pfarre in Marovoay zelebrieren sollten, wo wir Quartier hatten, denn die Gemeinde von Ampijoroa – Avatra, dort leben Vater und Geschwister von Adonis, freuten sich auf einen Gottesdienst mit uns. Durch eine Reifenpanne sind wir jedoch ziemlich (2,5 Stunden) zu spät gekommen. Es waren aber alle da. Das hat uns ermöglicht, eine Gemeinde zu erleben, die durch einen Katechisten animiert wird. Als Ehrengäste sind wir mit einer Ente beschenkt und zum Mittagessen ins Haus des Katechisten eingeladen worden.

Am Nachmittag besuchten wir den Vater von Adonis. Hier konnten wir einige madagassische Bräuche kennenlernen, z.B. dass nur die Ältesten der Familie Gäste empfangen dürfen. In dem Fall waren das der Vater und seine drei Brüder. Die Jüngeren, auch die Geschwister von Adonis, durften kochen bzw. bedienen. Ein besonderes Erlebnis war, die Reisfelder zu besichtigen, die der Familie gehören. In der Gegend gibt es besonders viele und besonders schöne Reisfelder. Man konnte auch sehen, dass die Menschen richtig stolz darauf sind.

Beim Gottesdienst in Ampijoroa, Heimat von Adonis
Beim Gottesdienst in Ampijoroa, Heimat von Adonis

Am nächsten Tag, 3. September, verließen wir die Heimat von Adonis in Richtung der Hauptstadt Tana, um uns auf die Heimreise vorzubereiten. Die letzte Zeit wäre sicherlich sehr ruhig und schön gewesen, wäre mein Koffer nicht gestohlen worden. Als wir am Abend in der Stadt ankamen, waren die Straßen ziemlich voll und das nutzte jemand aus, schlitzte die Abdeckung unseres Geländewagens auf, zog meinen Koffer heraus und verschwand damit. Leider bin ich bei dieser Rückfahrt schon zu wenig vorsichtig gewesen (weil alles so gut verlaufen ist), denn ich hatte alle meine Papiere, Geld usw. im Koffer gelassen. Somit fing ein weiteres Abenteuer auf dieser Reise an. Zum Glück konnte ich mit Hilfe der Mitbrüder das entsprechende Ausreisedokument vom madagassischen Innenministerium bekommen und planmäßig nach Innsbruck zurückkehren. Dieser Vorfall hat uns/mir noch zusätzliche Erfahrungen ermöglicht: die Haltung der Brüder in einer Notsituation. Adonis reiste extra in Tana an, um mich zu unterstützen. Der Provinzial begleitete mich persönlich zum Polizeikommissariat als auch im Flughafen. Der Provinzsekretär tat alles, damit ich im Laufe eines Tages zu meinem provisorischen Pass kam. Auf der anderen Seite war es spannend zu erleben, wie die dortigen Behörden arbeiten.

Abschließende Gedanken:

Wir sind sehr froh, das Land und die Provinz Madagaskar besucht zu haben. Wir haben gesehen, dass die Provinzgemeinschaft ziemlich am Anfang ihrer Identitätsbildung ist. Ich habe gesehen, dass sie mit vielen Schwierigkeiten, Problemen und Anforderungen konfrontiert sind. Ernst und ich, wir haben erfahren, dass die Mitbrüder sehr offen über die Situation in der Provinz sprechen, ohne etwas beschönigen zu wollen. Wir lernten viele Brüder kennen, die auf jeden Fall Verantwortung für die Gemeinschaft übernehmen und die auch fähig sind, für eine gute Entwicklung der Gemeinschaft zu sorgen. Für uns war es auch sehr wichtig, eine persönliche Beziehung zu diesen Brüdern aufzubauen. Wir haben verstanden, dass den Brüdern erst jetzt die volle Leitung der Provinz anvertraut wurde, sowohl von Seite der Generalleitung als auch der europäischen Missionare. Wir haben wahrgenommen, dass ihnen diese Selbständigkeit sehr wichtig ist. Wir haben auch verstanden, dass die Geschicke der Kapuzinergemeinschaft mit der gesellschaftlichen und politischen Situation des Landes eng zusammenhängen und ebenso mit der Situation der Kirche.

Hauskapelle in Antsirabe mit der Malerei von Br. Günther
Hauskapelle in Antsirabe mit der Malerei von Br. Günther

Wir haben auch unsere weitere Zusammenarbeit versprochen, vor allem im Bereich der Ausbildung der Brüder (Studium), sowie mit materieller Unterstützung in Absprache mit unseren beiden Provinzleitungen.

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